Montag, 24. März 2025

Das hab ich damals schon gewusst – sagt der Mann ohne Methode

 Christian Drosten hat in einem aktuellen Interview angedeutet, dass der Lockdown für Ungeimpfte aus heutiger Sicht möglicherweise unnötig gewesen sei. Es dauerte keine zwei Minuten, bis die Kommentarspalten geflutet wurden mit Aussagen wie: „Hab ich damals schon gewusst – auch ohne Doktortitel.“ Was wie eine spontane Meinungsäußerung aussieht, entlarvt bei genauerem Hinsehen gleich mehrere kognitive Verzerrungen – und ein tiefes Missverständnis darüber, wie Wissenschaft eigentlich funktioniert.

Zunächst einmal: Wenn jemand heute sagt, dass man etwas aus heutiger Sicht anders bewerten würde, dann sagt er damit gerade nicht, dass es damals falsch war. Er sagt: Mit dem Wissen von heute hätten wir eventuell anders entschieden. Das ist eine sehr wichtige Unterscheidung. Entscheidungen in Krisensituationen werden nicht mit vollständigen Daten getroffen, sondern unter Unsicherheit. Sie beruhen auf Abwägungen, Wahrscheinlichkeiten, Modellen – und dem Versuch, Schaden zu minimieren, nicht perfekte Lösungen zu liefern. Wer heute also ruft: „Das war damals schon klar!“, tut so, als hätte er damals auf besserem Wissen basiert. In Wahrheit war es meist ein Bauchgefühl oder eine Meinung, die zufällig mit der späteren Datenlage übereinstimmt. Und das ist kein Wissen. Das ist retrospektive Selbstaufwertung.

Genau hier greift der Dunning-Kruger-Effekt. Menschen mit geringer Sachkenntnis neigen dazu, sich selbst für kompetenter zu halten, als sie sind. Wer nie Statistik verstanden, keine Originalstudien gelesen und epidemiologische Grundlagen ignoriert hat, sich aber heute bestätigt fühlt, weil eine Maßnahme rückblickend als vielleicht überzogen erscheint, verwechselt zufälliges Rechtbehalten mit fundiertem Urteilsvermögen. Wer wirklich etwas gewusst hätte, hätte es auch erklären können – mit Argumenten, mit Differenzierung, mit Verantwortungsbewusstsein. „Ich wusste es einfach“ zählt nicht. Das ist keine Erkenntnis, sondern Selbstüberschätzung.

Dazu kommt der Survivorship Bias. Man hört heute nur noch die Stimmen derer, die sich bestätigt fühlen. Die anderen, die Unsinn behauptet haben – etwa, dass es überhaupt kein Virus gäbe, oder dass Impfungen Mikrochips enthalten –, sind leiser geworden oder haben ihre Meinung einfach verdrängt. Sie erscheinen nicht mehr in der öffentlichen Debatte, obwohl sie ein wesentlicher Teil der damaligen Stimmungslage waren. So entsteht der Eindruck, als hätten „damals schon viele gewusst“, was heute als möglich erscheint. Doch dieser Eindruck ist verzerrt. Es überleben in der Erinnerung nur die „richtigen Treffer“, nicht die vielen Fehlschüsse.

Und schließlich: Die Umkehrung des Autoritätsarguments. Während in der Hochphase der Pandemie viele Menschen jegliche Expertenmeinung reflexhaft ablehnten („Nur weil der einen Titel hat, muss er nicht recht haben!“), wird nun triumphierend auf die eigene Meinung verwiesen, gerade weil sie ohne akademischen Hintergrund entstanden ist. Es ist eine seltsame Logik: Damals war Expertise verdächtig, heute wird die eigene Ahnungslosigkeit als Beweis von Weitsicht präsentiert. Diese Rhetorik ist nicht nur antiaufklärerisch, sie ist auch brandgefährlich. Denn sie ersetzt kritisches Denken durch narzisstische Selbstbestätigung.

Der wissenschaftliche Diskurs lebt von Revision. Wer heute eingesteht, dass eine Maßnahme übertrieben war, disqualifiziert sich nicht – er zeigt, dass Wissenschaft sich entwickelt. Wer hingegen aus der Rückschau behauptet, immer schon im Besitz der Wahrheit gewesen zu sein, sollte sich fragen, auf welcher Grundlage dieses Wissen damals bestanden haben soll. Denn Meinung ist keine Erkenntnis. Und Bauchgefühl ist keine Methode.

Es ist legitim, Entscheidungen zu hinterfragen. Es ist sogar notwendig. Aber wer daraus eine pauschale Abrechnung mit Wissenschaft, öffentlicher Vorsicht oder gesellschaftlicher Verantwortung konstruiert, verkennt nicht nur den Kontext – er betreibt Geschichtsklitterung. Und das ist kein Rückblick, das ist eine Projektion.

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